Fortsetzungsroman

Erstes Kapitel

Geschrieben von: Patrizia Rodacki

Gelangweilt durchblätterte Maximilian Tröst auf dem Weg von Kiel nach München sein medizinisches Fachmagazin. All die angeblich neuen Erkenntnisse der Wissenschaftler waren ihm bereits bekannt und er fühlte sich wie ein Gymnasiast im letzten Schuljahr, den jemand nach der Hauptstadt Deutschlands fragte.

Unterfordert von seinen Aufgaben.

Auf den Vortrag, welchen er den angehenden Medizinstudenten in München geben sollte, hatte er wenig Lust. Er sah aus dem Zugfenster, gähnend steckte er seine Fachzeitschrift wieder ein, vor Müdigkeit fielen ihm die Augen zu.

Als Maximilian seine Augen wieder öffnete, war es ein wenig dunkler draußen geworden. Jemand tippte ihn an der Schulter an. Genervt drehte der Medizinprofessor sich zum grimmig schauenden Kontrolleur, der seine Hand ausstreckte und brummte: „Fahrkarte bitte.“

Der kahlköpfige Kontrolleur sah aus, als würde er seine Freizeit in All-you-can-eat Retaurants verbringen und hatte eine äußerst unsympathische Ausstrahlung.

Aufgebaracht drüber, in welchem Ton der Kontrolleur es wagte, ihn, Maximilian Tröst anzusprechen, rollte Max mit den Augen und suchte in seiner Aktentasche nach der Fahrkarte.

Seine Hand griff ins Leere. Verwundert durchsuchte er die Tasche genauer. Sein Geldbeutel und Ausweis waren weg.

An ihrer Stelle fand er einen kleinen Zettel, den er ganz sicher nicht in die Tasche gelegt hatte. Maximilian schrieb ausschließlich auf karierten Blättern, dieses war aber liniert.

„Lupus est homo homini“, las er verwirrt. Beim besten Willen konnte er sich nicht erklären, woher die lateinische Botschaft kam.

„Die Fahrkarte bitte“, forderte der Kontrolleur inzwischen sehr verärgert.

„Jemand hat mir meine Wertgegenstände gestohlen!“, erwiderte Max panisch, „dringend müssen Sie den Zug durchsuchen!“

„Ja sicher doch“, meinte der Kontrolleur amüsiert, „da habe ich schon bessere Ausreden heute gehört. Wenn Sie mir keine Fahrkarte zeigen können, dann müssen Sie jetzt leider aussteigen.“

Max rückte seine Eckbrille zurecht und fuhr sich mit einer Hand durch seine kurzen, schwarzen Haare.

„Wissen Sie denn gar nicht, wer ich bin?“, fragte der Professor verärgert, der Kontrolleur schüttelte den Kopf.

„Maximilian Tröst!“, schrie der Professor so laut, dass alle im Abteil sich zu ihm drehten und ihn wie einen Geisteskranken ansahen.

„Kiels bester Medizinprofessor! Ich habe unzählige Sachbücher veröffentlicht, ich war auf mehreren Bestsellerlisten!“

„Noch nie gehört“, erwiderte der Kontrolleur, woraufhin Max rot vor Wut wurde.

Eine Frau sagte belustigt: „Der da ist ganz sicher nicht Professor Tröst. Letzte Woche war ich auf einer Autorenlesung des Professors. Maximilian ist viel attraktiver und beherrscht zudem anders als dieser Wichtigtuer die Fachsprache.“

Maximilan wurde noch roter, seine Hand ballte er zur Faust und schrie nahezu verzweifelt: „Aber ich bin Maximilian Tröst!“

„Von mir aus kannst du auch Angela Merkel sein“, zischte der Kontrolleur aggressiv zurück, „keine Fahrkarte, keine Fahrt!“

Da Max sich weiterhin weigerte den Zug zu verlassen und darauf beharrte, die Fahrkarte wäre ihm gestohlen worden, packte der genervte Kontrolleur ihn an den Armen und zerrte ihn aus dem Zug.

„Ihr werdet es alle bereuen einen Professoren auf diese Art behandelt zu haben!“, schrie Max wuterfüllt, als er aus dem Zug geschubst wurde.

Belustigt lachend warf der Kontrolleur ihm seine Aktentasche nach. Als die Tasche gegen den Boden prallte und alle seine Aufzeichnungen herausflogen, fragte der Kontrolleur hämisch grinsend: „Na, Herr Professor? Und was machst du jetzt?“

Als Max diesen Satz hörte, erstarrte er und ihm blieb für eine Sekunde lang die Luft weg.

Das letzte Mal hatte er genau diesen Satz in der fünften Klasse gehört. Traumatisierende Erinnerungen holten ihn ein.

Vor seinem geistigen Auge sah Max einen kleinen, schlanken Jungen, der eine Brille mit dicken Gläsern und eine Miniaktentasche trug.

Stolz schritt er mit einem breiten Grinsen durch den Schulhof, fest entschlossen eines Tages Professor zu werden.

Da kamen seine Klassenkameraden um die Ecke und lächelten ihn an. Max hätte gedacht, sie würden sich für seine Forschungsergebnisse interessieren, als sie ihm näherkamen, doch es war nicht diese Art von einem herzlichen Lächeln.

Einer der Jungs riss Max die Aktentasche aus der Hand und schmiss sie so auf den Boden, dass alle seine Aufzeichnungen herausflogen.

Aggressiv trat der Junge auf seine Tasche ein, der Rest der Gruppe hatte großen Spaß dabei Max´ Notizen zu zerreißen.

Nein, nicht meine Notizen über Viren!“, schrie Max schluchzend und gerade, als er die zerrissenen Blätter wieder aufheben wollte, hämmerte ein Junge ihm seine Faust mitten in sein tränenüberströmtes Gesicht.

Das einzige Virus hier bist du!“, lachte ein Junge deppert. Ein anderer sagte dann frech grinsend, als Max sich das Blut von den Lippen wischte: „Na, Herr Professor? Und was machst du jetzt?“

„Und was machst du jetzt?“, wiederholte Max immer wieder mit brüchiger Stimme, als er in den schlimmen Erinnerungen vertieft seine Aufzeichnungen vom Asphalt aufhob und wieder in seine Tasche tat.

„Und was machst du jetzt?“

Als der Zug abfuhr, entwich Max noch ein: „Ihr Schweine! Das werdet ihr bereuen!“

Nun war er allein auf dem verlassen wirkenden Bahnhof.

Es herrschte konzentrierte Stille. Kühler Wind wehte.

Das Gebäude schien alt und die Fenster waren eingeschlagen.

Er erinnerte sich an die lateinische Nachricht, die er im Zug gefunden hatte. Was hatte die Notiz wohl zu bedeuten? Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen?

Für seine berufliche Laufbahn würde dies mehr als nur zutreffen.

Max blickte sich prüfend um und sichtete eine Gruppe an Menschen, die etwas weiter entfernt von ihm stand. Die Gruppe hatte sich in einem Kreis aufgestellt und ihre dunkel angezogenen Mitglieder sahen sich an, sprachen aber nicht miteinander.

Da Max nicht wusste, wo er war und er kein Schild fand, welches ihm Auskunft über den heruntergekommenen Bahnhof geben konnte, beschloss er eins dieser Gruppenmitglieder nach mehr Informationen zu fragen.

Mit klopfendem Herzen tippte er eins der Mitglieder an der Schulter an.

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